Montag, 29. Februar 2016

Kader ohne Kinder - Wir haben ein Problem


Über die Entdeckung einer tödlich verlaufenden Institutionenkrankeit und wir leiden daran. Von Ingmar Blessing.


Vor einigen Wochen fragte ich mich, wie viele Kinder unsere Abgeordneten eigentlich haben. Dann machte ich was heute alle machen. Ich schmiss das Internet an, schaute nach und wurde neugierig, als ich die Antwort fand.

Die Übersicht des Bundestages zum Familienstand der Abgeordneten bietet einiges. Allerdings muss man die Tabelle aufdröseln, um an die wirklich interessante Information zu kommen: Wie viele Kinder haben die Abgeordneten im Durchschnitt und wie viele von ihnen sind kinderlos?


Abb1: Übersicht aus den Angaben auf der Seite des Bundestages


Abbildung 1 ergibt ein erwartbares Ergebnis. Die Rechten haben mehr Kinder als die Linken. Das Gesamtbild folgt dem bundesdeutschen Trend zu (zu) wenigen Kindern mit zu vielen Kinderlosen, wobei die Bundestagsabgeordneten mehr Kinder haben als der Bundesdurchschnitt und weniger von ihnen ganz auf Kinder verzichten.

Das etwas überraschende Schlusslicht bildet die Linke, da sie besonders stark ist im relativ kinderreichen Osten mit voll ausgebauter Betreuungsstruktur. Insgesamt finden sich hier keine allzu weltbewegende Erkenntnisse.


Wie sieht es im Detail aus?

Was mir an dieser Übersicht fehlte war die Differenzierung zwischen den Unionsparteien, sowie die Kinder- und Kinderlosenverteilung nach Alter. Allgemein bekannt ist der in den 1960ern einsetzende Geburtenrückgang. Die Frage dazu lautet: Hat sich das auch auf das Parlament niedergeschlagen, und wenn ja, wie sehr?

Ich suchte daher weiter und wurde fündig. Sogar so fündig, dass ich beschloss, neben dem Bundestag auch die Landesparlamente und das EU-Parlament durchzugehen für ein umfassendes Gesamtbild. Das war eine Menge Arbeit, aber am Ende stand eine Liste mit 2.238 Einträgen.

Im Datensatz gibt es zwar einige Unsicherheiten, da nicht alle auskunftsfreudig sind und die eigene Internetseite der Abgeordneten manchmal weniger mitteilt als die Suchmaschine. Insgesamt aber dürften die zusammengetragenen Zahlen zuverlässig sein, zumal mich diese Antwort dazu anspornte, die kinderlosen Abgeordneten ein weiteres Mal durchzugehen. Schlussendlich aber konnte das Herumspielen an den Daten beginnen.


Einige Ergebnisse im Überblick

Als erstes trennte ich die Abgeordneten im Links-Rechts Schema und nach ihrem Alter. Das Ergebnis daraus ist eigentlich schon genug, um alle Warnleuchten zum glühen zu bringen.

Abb2: Durchschnittliche Anzahl an Kindern pro Abgeordnetem nach Geburtsjahr der Abgeordneten (geglättet als 3-Jahre-Durchschnitt); alle Parlamente

An Abbildung 2 gibt es einige bemerkenswerte Details, die ich so nicht erwartet hätte:

  1. Die starke Konvergenzentwicklung zwischen Links und Rechts auf das Niveau von Links. Das Sinken unter die Reproduktionsrate von ca. 2,1 impliziert eine adverse Selektion, was v.a. bei der politischen Rechten erstaunlich ist.
  2. Die Fertilität liegt mittlerweile quer durch das Spektrum bei quasi Null, da 0,5 Kinder pro Abgeordnetem einer Viertelung der Population nach einer Generation gleichkommt. Der Durchschnitt der Bevölkerung wird sehr deutlich unterschritten.
  3. Das "Überholen ohne Einzuholen" durch Linke in den Geburtenjahrgängen ab Ende der 1960er und die teilweise höheren Zahlen im Vergleich zur Rechten danach. Die leichten Steigerungen auf der Rechten von etwa +0,2 ab Mitte der 1980er lassen sich erklären mit den noch wenigen Vertretern aus diesen Jahrgängen. Es ist zu wenig für einen Trend.
  4. Der kurze Sprung nach 1969, nachdem sich Links und Rechts das erste Mal trafen könnte der höheren ostdeutschen Fertilität geschuldet sein. Da die Wechsel zwischen Ost und West heute sehr häufig vorkommen und es nicht mehr wirklich nachvollziehbar ist habe ich auf solche Trennung verzichtet.

Abb3: Der Anteil Kinderloser unter den Abgeordneten nach Geburtsjahr der Abgeordneten (geglättet als 3-Jahre-Durchschnitt); alle Parlamente

Abbildung 3 ist nicht weniger eindeutig im Aufzeigen einiger - wie ich meine sehr beunruhigender - Entwicklungen:

  1. Auch hier gibt es die Kovergenz nach Null (bzw. 100 Prozent kinderlos) zwischen Links und Rechts. Während die rechten Vertreter der Nachkriegsgeneration fast durchgehend Kinder hatten und der Anteil Kinderloser bis in die 1970er hinein nur leicht stieg, so hat sich der Trend danach stark beschleunigt. Es ist fast eine Gerade (teilweise der Glättung geschuldet) und zeigt deutlich einen Selektionsprozess auf, bei dem Eltern in den Parteihierarchien reihenweise den Kürzeren zogen.
  2. Der Antieg des Anteils Kinderloser verläuft viel gradueller auf der Linken.
  3. Der Anteil Kinderloser liegt seit Mitte der 1970er im gesamten Spektrum oberhalb des Durchschnitts in der Bevölkerung.
  4. Der neuerliche Rückgang der Kinderlosen auf der Rechten ist nur marginal und vermutlich erklärbar wie bei Abb2.

Diese Diagramme - sofern sie nur halbwegs zutreffen - schockieren

Wer der politischen Linken vorwirft, Familien und Kinder zu vernachlässigen trifft eindeutig ins Leere, da es auf der anderen Seite keinen Deut besser aussieht. So gut wie alle Parteien haben ab einem Punkt vergleichbare interne Mechanismen entwickelt, in denen Eltern und Familien durch die Bank verlieren gegen - ich spekuliere hier - karriereoptimierende Einzelgänger.

Wer sich wundert, weshalb konservative Wählerstimmen (selbst wenn sie in der Mehrheit sind) nicht zu konservativer, oder wirtschaftsliberaler Politik führen, sondern linke Entscheidungen zur Folge haben, der sei auf dieses Phänomen hingewiesen.

Die Lebenswelten aller professioneller Politiker haben sich zu beinahe 100 Prozent angeglichen. Wenn sich die Jugendorganisationen treffen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die jungen Netzwerker in einem Raum voller Gleichgesinnter stehen und keiner von ihnen ein Kind hat. Ob die Farbe des Logos am Revers grün ist, rot, oder gelb oder schwarz, das macht keinen Unterschied mehr.

Das Cleverle in der Hand zu halten, auf dem sie sich live in sozialen Netzwerken positionieren (um nicht zu sagen prostituieren) ist scheinbar bei allen zum Standard geworden. Wie auch das Cleverle in der anderen Hand, mit dem sie sich zum nächsten "Networking Event für Future Leaders der Zukunft" anmelden.

Da bleibt keine Hand mehr frei zum Windeln wechseln und kein Wochenende, um sich um Kind und Familie zu kümmern. Wer als Familienmensch trotzdem versucht, diesem politischen Hyperaktivismus zu folgen, der riskiert sein Privatleben mehr, als es in einer normalen, also lebensdurchschnittlichen und von Eltern geprägten Atmosphäre notwendig wäre.


Die Parteien haben sich selbst ihrer Zukunft beraubt

Die Aufschlüsselung nach Parteien bestätigt das obige Ergebnis zu den nivellierten Differenzen zwischen Links und Rechts im Verlauf der vier politischen Nachkriegsgenerationen.

Abb4: Kinder pro Abgeordnetem nach Parteien und Geburtsjahrzehnt; alle Parlamente; rot: Wert unter 1 - gelb: Wert hat sich verringert - grau: Wert ist konstant - grün: Wert ist größer gleich 2 oder hat sich verbessert seit dem letzten Jahrzehnt


Abbildung 4 bestätigt das obige und wirft neues Licht auf das Elend. Legt man für die Beurteilung der Zukunftsaussichten einer Partei nur die Abgeordnetenkinder zugrunde, dann war Piratenpartei eine Todgeburt und hat keinerlei Zukunft. Ihr Platz im Rampenlicht war nur ein streng situativ bedingtes Phänomen, die Luft ist nicht schon wieder raus, sie war nie drin.

Ihr Nachwuchsantagonist AfD hat aus dieser Perspektive hervorragende Zukunftsaussichten. Je jünger die Abgeordneten, desto mehr Kinder sind vorhanden. Allerdings muss mit unter 50 die geringe Zahl an Abgeordneten beachtet werden. Die Werte können sich schnell ändern, wie auch bei der FDP und den Freien Wählern.

Schaut man nur die Etablierten an, dann wird sehr deutlich, sie alle haben in der letzten Dekade ihre Zukunft verfrühstückt. Die Ausnahmen bilden AfD und CSU rechts und auf der Linken - wohlwollend und relativ betrachtet - am ehesten noch die Grünen. Die SPD hat zwar insgesamt mehr Kinder im Durchschnitt, aber das ist vor allem ein Echo aus der Vergangenheit.

Auch mögliche Vermutungen, die Linkspartei könnte von den Betreuungsangeboten des Ostens profitieren, da sie dort sehr stark ist werden widerlegt. Die Linke leidet sogar noch mehr als die anderen beiden linken Bundestagsparteien unter dem parteiensystemischen Kinderschwund. Selbst ohne die Kinderlosen unterschreiten sie mit 1,95 Kindern im Schnitt den Reproduktionswert.

Nicht allzu viel besser sieht es bei den anderen Parteien aus. Gäbe es ein Renteneintrittsalter für Abgeordnete, die Reproduktionsschwelle würde auch für die meisten anderen Parteien zum Stolperstein, wohlgemerkt das ganze unter Abzug der Kinderlosen. Von ganz links bis weit in die politische Rechte hinein herrscht tote Hose. Oder besser gesagt, eingetrocknete Eierstöcke und geschrumpfte Hoden.

Und sogar die Verfechter des völkischen Sozialismus von der NPD können sich dem allgemeinen Trend nicht widersetzen, gehen sogar vorne weg und schmücken sich mit drei Kinderlosen unter ihren sechs Landtagsexponenten. Die Fruchtbarkeitsziffer der Partei liegt bei schmalen 0,83 Kindern. Was der Führer wohl dazu sagen würde? Immerhin, sie belästigen die Allgemeinheit nicht mit Vertretern in den Ausschüssen, die sich mit Familien und deren Nachwuchs beschäftigen.


Die Bundesländer bewegen sich zwischen Zappenduster bis Land unter


Abb5: Kinder pro Abgeordnetem nach Landesparlament und Geburtsjahrzehnt; rot: Wert unter 1 - gelb: Wert hat sich verringert - grün: Wert ist größer 1,5 oder hat sich verbessert seit dem letzten Jahrzehnt

Auf dem Negativtreppchen ganz oben steht wenig überraschend die ehemalige Welthauptstadt Berlin vor dem zweiten Stadtstaat Hamburg. Aber noch vor Bremen kommt das Saarland. Vermutlich ist das Land einfach zu unwichtig, als dass es die dortigen Negativtrends und politischen Fehlentwicklungen in die überregionale Presse schaffen. Überraschend für den Nicht-Saarländer ist es allemal.

Die Aufschlüsselung nach Bundesländern - ohne die drei, in denen im März 2016 Wahlen stattfinden - gibt einiges Preis über die parlamentarische Negativselektion mit dem Trend weg vom Abgeordneten mit eigenem Kind. In einigen Fällen ist die Datenbasis dünn, Landtage haben selten mehr als 150 Abgeordnete, aber die Gesamtentwicklung mit mehr als 1.000 Abgeordneten insgesamt ist sehr eindeutig.

Kein Bundesland kann sich dem herrschenden Trend wirklich entziehen. Egal ob es konservativ geprägt ist oder zur ehemaligen DDR gehörend, spätestens in der jüngsten Politikergeneration wurden die Eltern weitgehend von den Schalthebeln der Macht weggedrängt.

Abb6: Anteil Kinderloser unter den Abgeordneten nach Bundesländern und Geburtsjahr vor und nach 1970 und Anteil Kinderloser im Kinder-, Jungend und Familienausschuss (teilweise gibt es keinen Ausschuss für diese Bereiche, bei Brandenburg hat zwei); grün: Wert liegt unter dem Bevölkerungsdurchschnitt (etwa 25% bei vor 1970 geborenen und etwa 33% für alle danach); rot: Wert liegt über dem Bevölkerungsdurchschnitt

Abbildung 7 bestätigt die durchgehende Kinderentfremdung, dem sich bei den heute bis 45 jährigen nur zwei Länder entziehen können. Sie liegen immerhin leicht unter dem Bevölkerungsnormal, wobei auch bei diesen ein Bruch stattfand, er setzte nur später ein.

Zu den Spitzenreitern bei der Kinderlosigkeit im speziellen wie im allgemeinen gehören wieder das Saarland und Berlin. Es fragt sich, wann kommt die Initiative Pro-Gendertoilette-Saarschleife? Die Zahlen implizieren, sie könnte erfolgreich sein.

Ein ganz besonderes Zucker im Hinblick auf "Gender versus Familie" bietet die Bremische Bürgerschaft. Dort hat man es nicht nur geschafft, finanziell die eigene Zukunft völlig zu verspielen, sondern dort wird inzwischen auch auf einen eigenen Ausschuss verzichtet, der sich mit Fragen zu Familien und ihrem Nachwuchs beschäftigt. Zugute kommt dies seit dem 2. Juli 2015 einem sich selbst kommentierenden Ausschuss für die Gleichstellung der Frau!



Die Unsicherheiten in den Daten, und trotzdem

Möglicherweise enthält der Datensatz einige Fehler, die jüngeren Abgeordneten haben die Familienplanung eventuell noch nicht abgeschlossen und sicherlich gibt es den ein oder anderen Homosexuellen, der verpartnert sehnlichst auf das Adoptionsrecht wartet. Aber das sind bei weitem nicht alle. Für die meisten, vor allen derjenigen unter den Kinderlosen, die bereits vor 1980 geboren sind trifft dies mit Sicherheit nicht zu. Sie entschieden sich bewusst und teilweise explizit, für die Politkarriere und gegen Kinder, angeblich, weil es anders nicht geht.



Frauen mit Kind und Karriere - geht doch

Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Politkarriere ist aber nur eine Ausrede, das gibt der Datensatz ebenfalls her.

Abb7: Anzahl weiblicher Abgeordneter mit Kind nach Partei und Geburtsjahrzehnt


In Abbildung 7 kann man sehen, Nachwuchs ist unabhängig von der politischen Ausrichtung. Die SPD hat sogar sehr viele (ältere) weibliche Abgeordnete in ihren Reihe, die sich für Kinder entschieden haben und die augenscheinlich trotzdem eine erfolgreiche Karriere verfolgen konnten.

Damit steht fest, es stimmt schlichtweg nicht, dass es an der Infrastruktur oder den Umständen liegt, es ist vielmehr die Einstellung, die entscheidet. Der Verzicht auf die eigene Familie und damit eine individuelle Zukunft ist kein Phänomen der jetztigen "hektischen" Zeit, sondern es hat sich graduell entwickelt. Zwischen der Nachkriegsgeneration und den in den 1970ern geborenen gab es bereits eine 20 Prozent Differenz an Frauen, die sich für Kinder entschieden haben. Das Cleverle mit Internetzugang aber gibt es erst seit 5 Jahren, das Internet selbst hat seinen breiten Siegeszug kurz vor der Jahrtausendwende angetreten. Davor war mehr als genug zeitlicher Spielraum.

Es fragt sich, wenn jüngere Abgeordnete von einem "neuen Familienbild" sprechen das es herbeizufördern gilt, meinen sie dann das der allgemeinen Bevölkerung, oder doch nur das eigene? Vielleicht sollte die ein oder andere Abgeordnete mal bei ihren älteren Kolleginnen nachfragen, wie sie das damals denn so gemacht haben mit Kind und Karriere. Schaden kanns nicht.

Und auch in der jüngeren Generation gibt es jede vierte als "Ausnahme". Die Begründung für diese Überforderung im Nachgehen und Zusammenführen verschiedener Lebensaspekte im Licht von Abbildung 7 lässt kaum einen Interpretationsspielraum: Es muss ein gestiegenes Anspruchsdenken in Verbindung mit einer geringeren Alltagskompetenz sein, sowie dem Mangel an Bereitschaft, erfolgreiche Lösungen und Strategien aus der Vergangenheit zu übernehmen. Nun gut, oder es waren die falschen Hormone im (Parlaments-)Leitungswasser.


Eine Politkaste zum fürchten

Ein Politiker, der sich selbst nicht so organisieren kann, dass Karriere und Privates unter einen Hut passen, der sollte nicht auf das Kind verzichten, sondern auf die Karriere. Denn was bringt ein inkompetenter Politiker, der sich nicht selbst organisieren kann? Im einen Fall bleibt im Zweifel der eigene Kühlschrank leer, im anderen Fall werden im Zweifel alle anderen Kühlschränke leergeräumt.

Welche Zukunftsperspektive hat ein kinderloser Politiker? Geht der Blick auf die Welt über das eigene Leben hinaus? Kinder waren und sind der ultimative Beweis für ein Eigeninteresse am Leben, das nach dem eigenen Leben kommt. Politiker sollten diesen erbringen. Wer diesen aber nicht vorlegen will (es nicht können ist eine andere Sache), der wird im Zweifel nicht die langfristige Investition als vorteilhaft erachten, sondern das Hier und Jetzt optimieren und seinem narzisstischen Opportunismus dienen.

Die deutsche Politik und ihre jungen Kader, sie alle haben sich lebensuniformiert, karriereoptimiert und dabei das Grundlegendste im Leben vergessen: Das Leben selbst! Wie sollen solche Personen tragfähige - und im Diskurs offen erstrittene - Lösungen durch- und umsetzen, wenn Leben und Zukunft für sie nur abstrakte Gebilde sind? Wenn sie alle das gleiche Leben leben, den gleichen Umfeldvariablen ausgesetzt sind und die gleichen Lebenserwartungen haben?


Kinderlose brüten über Kinderfragen

Und wer sitzt eigentlich in den Ausschüssen für Kinder, Jugendliche und Familien? Die gute Nachricht ist, es sind mehrheitlich Eltern. Es gibt aber nicht wenige Fehlbesetzungen. Ein geschlagenes Drittel der Ausschussmitglieder in Bund und jenen Ländern, die einen solchen Ausschuss ausweisen haben keine Kinder. Was machen Kinderlose dort?

Familie und Kinder sind das vermutlich praktischste, was das Leben bereit hält. Es verhält sich wie beim Noten lernen. Wer ein Instrument spielt, für den sind Noten eine Kleinigkeit, wer keines spielt, der versteht ihre Bedeutung nicht. Und wer ein Kind hat, der kennt sich aus. Wer keine hat, der muss abstrahieren und wird daher nie auch nur annähernd an das Verständnis herankommen, wie jemand, der ein Kind erzieht oder großgezogen hat.

Auch bei den Kinder- und Familienausschüssen zeigt sich wieder, die Unterschiede zwischen Links und Rechts sind erstaunlich klein. Während 35 Prozent der Linken nicht wissen was Windeln wechseln bedeutet, kommt die politische Rechte noch immer auf 25 Prozent in der Abteilung für offenbare Fehlbesetzungen.

Spitzenreiter in dieser Kategorie ist übrigens der Sonderfall Piratenpartei mit geschlagenen 83 Prozent Kinderlosen in den kinderbezogenen Ausschüssen (in absoluten Zahlen fünf von sechs!). Am anderen Ende des Spektrums liegt die AfD, bei denen vier von fünf Vertretern in den Fachausschüssen eigene Kinder haben. Zum Vergleich, die CSU - selbsternannter Hort des Konservativismus - schafft es, unter elf Vertretern drei Kinderlose zu deplatzieren.

Was suchen diese Leute dort? Das Subjekt "Kind" ist offenbar nur ein abstraktes für sie. Sollten bei so einem unmittelbar lebenspraktischen Thema nicht eher "Praktiker" ran? Inwiefern ist die völlig vermurkste Kinder- und Familienpolitik (siehe Demografieentwicklung) für das Ergebnis dieser komplett widersinnigen Fehlbesetzung der parlamentarischen Gremien verantwortlich, also dass Kinderlose über Familien und Kinder entscheiden dürfen?


Genau diese Fragen habe ich den beiden kinderlosen Bundestagsabgeordneten Ulrike Bahr (SPD) und Katja Dörner (Grüne) gestellt, die in der speziell eingerichteten Kinderkommission des Familienausschusses im Bundestag sitzen.

Beide haben in der Zwischenzeit geantwortet. Die eine nahm sich offenbar Zeit und machte sich die Mühe, ihre stellvertretende Tätigkeit im Ausschuss trotz Kinderlosigkeit zu rechtfertigen. Das gilt es zu respektieren, wobei ein Gutteil ihrer Argumentation die jahrelange Tätigkeit als kinderlose(!) Lehrerin umfasste, gefolgt von ihrem jahrelangen kinderlosen(!) Einsatz für Kinder in verschiedenen Gremien. Und Schliesslich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, der Amateur kann das genauso gut.

Die andere reagierte ebenfalls, aber nicht mit einer Antwort, sondern mit einigen Allgemeinplätzen ohne persönlichen oder inhaltlichen Bezug zu meinen Fragen, dafür mit viel Quantität. Vielleicht wollte sie ja damit punkten. Zu allem Überfluss war ihre Replik auch noch ein schamloses Plagiat. Ein weiterer Schwung Rückfragen meinerseits an die Frau ("Was soll der Sch***, halten Sie mich für dumm??!") wurde von den Moderatoren bei Abgeordnetenwatch leider abgelehnt, weil "keine wirkliche Frageabsicht erkennbar ist". Sie hatten teilweise sogar recht.



Der Familienmenschen muss zurück in die Politik

Das große Problem mit diesem Parteienzustand der Kinder- und damit Zukunftslosigkeit ist, dass es schwer ist, ihn von außen zu beenden. Parteien sind geschlossene Systeme und Wahlen eher indirekt, da Kandidaten meist auf - hypernetzwerklich ausgekungelten - Parteilisten stehen. Die Kandidaten selbst leben in ihrer Blase und nehmen die Realität selektiv wahr, sehen also nur die anderen Kandidaten und die Rädchen über und unter ihnen, die fast alle genau gleich ticken. Zugestängnisse an die Realität gibt es nur zufällig.

Trotzdem sollte man darauf achten, welcher Kandidat im eigenen Wahlkreis - egal auf welcher administrativen Ebene und egal in welcher Partei - eigene Kinder hat. Ich behaupte, linke Politiker mit drei Kindern sind bodenständiger als kirchebesundende Mittvierziger der CDU, die bislang erfolgreich das Thma Nachwuchs umschifft haben. Gleichzeitig ist der blasse Nationalkonservative mit fünf Kindern zu Hause die wahrscheinlich bessere Wahl, als das adrett junggebliebene Fräulein von den Grünen. Ähnlich ist es vermutlich beim Angeber von der FDP, der aber aus eigener Anschauung weis was es bedeutet, Kinder großzuziehen.

Ich persönlich bin eigentlich kein Fan von Quoten: Frauenquote, Behindertenquote, Diversityquote. All das entspricht einem Geist, der Qualität verwechselt mit Symmetrie. Nur, ich frage mich auch, ob angesichts der beschriebenen extremen Schieflage es nicht vielleicht angemessen sein könnte, eine Familienquote einzuführen.

Nur in den Parteien, versteht sich. In etwa, dass 25 Prozent der Ämter an Personen vergeben werden, die mehr als drei Kinder haben, 50 Prozent an Personen, die mindestens ein Kind haben und der Rest auch an Kinderlose vergeben werden darf. Meine Überzeugung ist, wir bekämen eine wesentlich kinder- und familienfreundlichere Politik und eine, die - unabhängig von der politischen Grundposition - wesentlich zukunftsgerichteter und damit rationaler ist als was wir momentan geboten bekommen.

Die jüngeren Kader unserer politischen Elite haben fast geschlossen das Kindermachen verdrängt, vergessen und verlernt. Von ihnen geht keinerlei Interesse an der Zukunft mehr aus. Sollte das so weitergehen, dann werden wir schon sehr bald den polit-strukturellen Endzustand erreichen und dann können wir das ganze Land den Fluten übergeben.


Die Krankheit und ihr Name

Dieses Krankheitsbild, falls es sich erhärtet am Beispiel anderer Länder, Systeme und in der Vergangenheit (Wie viele Kinder hatten die Weimarer Abgeordneten?) würde ich definieren als eine strukturelle adverse Selektion in allen tragenden Subsystemen eines Systems. Über einen langen Zeitraum entstehen innerhalb der tragenden Subsysteme inhärente Mechanismen, die dafür sorgen, dass weniger zukunftsorientierte Personen, die eine starke Gegenwarts- und Egopräferenz aufweisen in den Rangeleien der Hierarchie erfolgreicher sind als andere.

Nach einem mehrere Perioden andauernden Selektionsprozess dominieren schliesslich in allen Subsystmen die Gegenwartspräferenten und beginnen damit, überall kurzfristige Ziele zulasten langfristiger Ziele anzustreben. Es spielt dabei keine Rolle, ob es einzelne Ausreisser gibt (die Bundesregierung beispielsweise hat selbst ohne den Oberausreisser von der Leyen überdurchschnittlich viele Kinder). Es ist vielmehr die Masse der Gegenwartspräferenten und der fortschreitende, sich intensivierende Selektionserfolg bei ihrem hierarchischen Aufstieg.

Im Endzustand sind alle Subsysteme und auch das Gesamtsystem in ihren jeweiligen Ziele auf Gegenwartspräferenz ausgelegt. Danach folgt die Krise und danach der Zusammenbruch.


Falls dieses Krankheitsbild relevant, aber noch nicht in dieser Form beschrieben ist, dann benenne ich es hiermit als die "Adverse Blessing Selektion".



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Der Text als PDF-Datei
Die Liste mit allen Abgeordneten